Wir haben uns schon so lange von unserem wahren Ich, unserer Individualität entfernt,dass es uns gar nicht mehr auffällt, wie wir uns nur noch von unseren Strukturen leiten lassen, die auf unser Gehirn beschränkt sind. So erleben wir die Welt nur noch aus der sehr beschränkten Egostrukturperspektive.
Die Umkehrung des Spruchs lautet: Unsere Egostruktur ist unser Körper und erlebt die Welt nur aus der Perspektive des eigenen Körpers.
Sie interessiert sich nur, was dem eigenen Körper gut tut. Die Egostruktur ist der Egoist!
Der Normalbürger hat beim Wahrnehmen tausende Strukturen, Erinnerungsvorstellungen, die im Hirn verankert sind, die er automatisch über die Wahrnehmungen stülpt. Er läuft mit permanenten Vorurteilen durch die Welt. So sieht er nichts, was nicht zu seinem Vergangenheitsmuster passt. Er läuft durch die Welt und vereinfacht die Welt mit seinen Erinnerungen. Er sieht nur, was er schon kennt. Die vereinfachte Welt hat er im Griff. Er erlebt keine Angst vor nicht erklärlichen Wahrnehmungen, weil er (fast) alles automatisch einordnen kann.
Bsp. Bei einem Spaziergang sieht man links ein Haus. Mit einem Blick laufen unbewusst die Erkennungsmechanismen ab. Die Erinnerungsvorstellung des Hauses, das man schon oft gesehen hat oder eines relativ allgemeinen Hauses (Wände, Fenster, Dach) verknüpft sich mit der Wahrnehmung. Ich kann beruhigt daran vorbeigehen. Alles ist klar. Ich weiss, was ich links vor mir habe. Es droht keine Gefahr. Ich kann mich beruhigt in mein abstraktes Innenleben zurückziehen und schaue nicht mehr genau hin. Wenn ein Lichtreflex auf einer Fensterscheibe mir ins Auge leuchtet, nehme ich ihn nicht mehr wahr oder erledige ihn mit dem Begriff „Reflex“ und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Daraufhin gehe ich einer Hecke entlang. Blitzschnell kommt aus der Vergangenheitsstruktur die Vorstellung einer Hecke. Ich muss die Hecke nicht mehr mustern. Ich weiss schon im voraus, was eine Hecke ist. Ich gehe beruhigt weiter. Nun kommt die Strasse. Auch hier ist es blitzschnell klar, dass Autos vorbeifahren. Ich muss die einzelnen Autos gar nicht mehr genau betrachten. Ich weiss auf Grund meiner Vergangenheitsstrukturen, dass sie von links kommen, mit einer bestimmten Geschwindigkeit sich nähern und oft bremsen, wenn ich am Strassenrand stehe. Auch hier ist alles klar. Ich brauche keine Angst zu haben.
Wenn ich zu Hause angekommen bin, habe ich eine Welt erlebt, die sich mit einigen bekannten Begriffen – Häuser, Hecken, Strassen, Autos – beschreiben lässt. Ich habe eigentlich nichts Neues gesehen. Ja, ich habe eigentlich überhaupt nichts gesehen. Das erste Haus habe ich nur als Haus taxiert. Ich habe es gar nicht angeschaut. Ebenso die Hecke und die Strasse auf der die Autos fuhren. Ich habe kein einziges Auto erkannt. Ich sah keinen Menschen am Steuer usw. Ich bin vergangenheitsgesteuert, als Roboter spaziert und habe mir unterbewusst nur bestätigt, was ich schon kenne. Grosse Teile des Lebens der so genannten Normalmenschen verlaufen auf diese Weise.
Betrachten wir die Welt einmal unter dem Gesichtspunkt von Wesen, die nicht nur Egostruktur gesteuert sind. Dies sind die Autisten, AD(H)S- Kinder und Kinder im Allgemeinen. Spazieren wir nun nochmals im Bewusstsein eines Autisten, der ganz in der Gegenwart lebt, denselben Weg. Der Autist (siehe das interessante Buch von Temple Grandin “Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier, eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere” ) lebt ganz im Gegenwartsfeld, d.h. er hat die abstrakten Erinnerungsvorstellungen nicht zur Verfügung. Er greift nicht dauernd auf die Vergangenheitsstrukturen zurück. Er lebt in seiner Hirn unabhängigen Bilderwelt des Gegenwartsfeldes. Er lebt de-zentriert im Aussenraum.
Er sieht links dasselbe Haus. Nun kann er nicht die Struktur der Erinnerungsvorstellung „Haus“ über seine Wahrnehmung stülpen. Er ist zuerst einmal verunsichert. Ein Angstgefühl steigt auf. Er sieht ein Fenster. Er beobachtet fasziniert den Lichtreflex, wie wenn er zum ersten Mal einen Reflex gesehen hätte. Er bleibt stehen und freut sich am Lichtspiel oder rennt davon, weil es ihn irritiert. Er betrachtet den Verputz des Hauses. Bemerkt diverse Risse. Sieht in den Rissen die Ameisen die nach oben krabbeln. Ausserdem bilden die Risse für ihn Flüsse und Bäche, wilde Tiere usw. Er bemerkt, dass das Holz der Fenster morsch ist und dass die Farbe abblättert. Er sieht den Kupferdraht des Blitzableiters und tausend Details mehr.
Natürlich hat auch der Autist bestimmte Vergangenheitsstrukturen, die sich über die Details stülpen, sonst sähe er im Irdischen überhaupt nichts. Er besitzt ja auch ein Gehirn, das zur Wahrnehmung geschaffen wurde. Nur laufen bei ihm die Bilderwelten des G-Feldes parallel ab. Solange die Details ins gewohnte Bild passen, lebt er ohne Angst und zufrieden.
Nun gehe ich weiter und komme zur Hecke. Es ist nicht die allgemeine Hecke, sondern genau diese einmalige Hecke. Die Erinnerungsstruktur „Hecke“ wird nicht übergestülpt. Ich betrachte jedes Blättchen, staune über die Welt der verschiedenen Blätter. Ich sehe Details, die mir noch nie aufgefallen sind: zackige Blätter, abgestorbene Zweige, die im letzten Jahr noch grün waren. Rundliche Blätter, die braunen Zweige dahinter die Blätter tragen, eine Vielzahl von Insekten usw. Die Hecke, die ich zuvor nur als Hecke klassierte und weiter gegangen bin, wird zu einer eigenen Welt, in der ich mich stundenlang aufhalten könnte. Da ich nicht mehr von alten Strukturen geleitet bin, auch von der Zeitstruktur nicht, wird mein Spaziergang, der im „Normalbewusstsein“ nur 10 Minuten dauerte zu einem stundenlangen Ausflug in fremde Welten. Nun begegne ich wie zum ersten Mal der technischen Welt der Strasse. Ich bleibe verängstigt stehen. Was ich hier erlebe ist Furcht einflössend: stinkende, dröhnende Blechkisten fahren vorbei. Ich sehe Menschen hinter den Scheiben, die etwas Rundes halten. Plötzlich knallt es. Ich erkenne den Knall nicht als Fehlzündung und renne verstört davon.
Beim nächsten Mal erinnere ich mich daran, wie der Weg verläuft. Vielleicht kommt mir der Riss im Verputz bekannt vor und ich weiss dann, dass nun die Hecke kommt. Vor der Hecke erlebe ich jedoch wieder eine ganz neue Welt. Es ist nicht mehr dieselbe Hecke. Nun sind einige Blätter grösser geworden. Die Äste dahinter sind nicht mehr sichtbar. Ich habe keine übliche Erinnerungsstruktur in meinem Gehirn aufgebaut, die mich an das letzte Mal erinnert. Ich erinnere mich vielleicht an ein Detail, das ein Normalbürger vergessen hätte.
Dieses Bewusstsein haben wir alle als Kind durchlaufen. Es entspricht dem kleinen Kind, das ohne Bewusstsein für die Zeit lebt, sich in Details verlieren kann, noch staunend, ohne Vorurteilen der Welt begegnet und für uns Erwachsene oft irrational handelt. Es entspricht auch dem Bewusstsein der ADS-Kinder. Allen gemeinsam ist, dass sie (noch) nicht den physischen Körper mit seinen Hirnstrukturen durchdrungen haben und auf die Erinnerungsstrukturen des Gehirns zurückgreifen können. Sie leben noch stark in den Bilderwelten (fälschlicherweise “kindliche Fantasie” genannt) des Gegenwartfeldes.
Weil sie im G-Feld leben, nehmen sie eine unendliche Flut von Details wahr. Sie sind überall. Sie haben nicht nur die enge Brille der Vergangenheitsstruktur an. Sie sehen alles im weiten Umfeld, auch dasjenige, was ihrer Egostruktur nicht dient. Sie leben im Gegenwartsbewusstsein über die Welt ausgegossen. Sie sind in ihrem wahren Ich, das den Körper nur als Orientierungspunkt braucht. Diese Menschen, von denen die meisten Kinder sind, leben kein Leben, das abgetrennt von der Welt, im Gefängnis der Egostruktur, die auf den eigenen Körper beschränkt ist,stattfindet. Bei ihnen stimmt der Spruch: Mein wahres Ich ist nicht im Körper, sondern über-all!