Leitsätze und Zentrierung: Beispiele aus der Praxis

Intellektueller „Fallensteller“

Nennen wir diesen 15-jährigen Schüler Xerxes. Er ist überdurchschnittlich intelligent und setzt seine Intelligenz meistens dazu ein, Schülern und Lehrern eine intellektuelle „Falle“ zu stellen. Er verwickelt sie in Widersprüche, zeigt ihnen ihr Unvermögen auf und freut sich, wenn die nicht Betroffenen ihn durch Grinsen oder Lachen unterstützen, den Lehrer oder Mitschüler lächerlich zu machen.

Deltadynamische Analyse:

Was liegt bei Xerxes vor? Er hat die zweite Seelenschicht 1 in seiner Egostruktur, seinen Intellekt, so ausgebildet, dass sie fast keinen Zusammenhang mit der dritten Schicht mehr hat. Die dritte Schicht ist ja die Schicht, die ans Gegenwartsfeld angrenzt und so von den liebevollen Gegenwartskräften inspiriert werden kann. In dieser Bewusstseinssphäre rotiert der Intellekt nicht mehr in seinen egoistischen Vergangenheitsmustern. Er ist nicht mehr befriedigt, wenn er andere klein macht, um selbst gross zu sein. Er lebt im Gedankenlicht, in dem alle Menschen als Brüder und Schwestern leben und sich fördern. Der Egoismus und seine „Siege“ sind hier nicht existent. Sie gehören in den Bereich der Vergangenheitsfelder.

Anders formuliert: Xerxes lebt sehr viel im dezentrierten Zustand. In den oben geschilderten Situationen führt sein im Vergangenheitsfeld „rotierender“ Intellekt ein Eigenleben, das vom Gegenwartsfeld des Schülers nicht durchdrungen ist. Er wird von seinem Intellekt fast zwanghaft angetrieben, seine „Gefechte“ zu führen. Sein Blick wird dabei starr und wenn er einen Misserfolg kommen sieht oder durch den Intellekt des Lehrers „besiegt oder sogar gedemütigt“ wird, aktiviert sich seine erste Schicht seiner Egostruktur, seine Emotionsschicht, die den anderen Teil seiner Vergangenheitsstrukturen bildet. Er wird laut, emotionell und im Extremfall gewalttätig, weil seine Hauptwaffe, sein Intellekt, versagt hat.

Dieser körperlich kräftige Schüler ist einer der ängstlichsten Jugendlichen. Er bleibt zu Hause, wenn ihm ein kleinerer Kollege mit Gewalt droht. Dies erklärt sich damit, dass der kräftige und mit überdurchschnittlicher Intelligenz begabte Xerxes durch seine Dezentrierung innerlich schwach ist. Diese Schwäche will sich durch sein Verhalten tarnen. Echte Stärke zeigt sich nur durch eine innere Zentriertheit, bei der die wahre Individualität ihre Vergangenheitsstrukturen beherrscht. Vielleicht lernt Xerxes im Laufe seines Lebens, sich zu zentrieren. Er ist ja erst fünfzehn. Vieles wird davon abhängen, ob er erwachsene Bezugspersonen erlebt, die selbst die Fähigkeit haben sich zu zentrieren und ihm mit innerer Stärke begegnen.

Deltadynamisches Handeln:

Die oben erstellte Analyse betrifft jeden Menschen, auch den Lehrer. Als mir die Situation im Unterricht innerlich klar wurde, wusste ich, dass ein intellektueller Kampf, auch im Falle eines Sieges meinerseits, die Situation nicht entspannen würde. Ich würde Xerxes nur weiter in seine Dezentrierung treiben. So änderte ich mein Verhalten und versuchte mich selbst zu zentrieren. Ich drängte meine im Innern aufsteigenden Aggressionen und intellektuellen Vorüberlegungen zurück und deaktivierte meinen „Machtapparat“, den ich als Schulleiter einsetzen könnte, und mein kaltes intellektuelles Potenzial. Ich erfüllte mich ganz mit dem Gegenwartsfeld. Ich spürte meine liebevollen Kräfte im Brustbereich und liess diese zum Schüler strömen. Hellwach mit grosser Aufmerksamkeit ging ich zu Xerxes, streckte ihm die Hand entgegen und gratulierte ihm zu seiner brillanten Analyse der Situation, ohne zynisch zu sein. Mit dieser Handlung nahm ich Xerxes allen Wind aus den Segeln. Er war verblüfft, fand kein neues Argument und wurde durch meine Haltung nicht wieder in die Dezentrierung getrieben, in der er neu von seinem Intellekt negativ angetrieben worden wäre. Innerhalb von zehn Sekunden war dieses Problem so gelöst, dass kein Sieger und Verlierer zurück blieben. Niemand lachte und ich fuhr sofort mit dem Unterricht weiter. Hätte Xerxes einen Bruchteil von Stolz, Überheblichkeit oder Verachtung in meiner Haltung erlebt, wäre die Situation sofort wieder neu eskaliert.

Meine Zentrierung und dadurch die Wirkung des Gegenwartsfeldes haben Xerxes in den Wirkungsbereich des Gegenwartsfeldes geführt. Dadurch konnte seine intellektuelle „Kampfmaschine“ nicht mehr aktiviert bleiben. Sein wahrer Kern wurde angesprochen. Es gab kein Problem mehr zwischen uns.

Dadurch wurde Xerxes kein neuer Mensch. Schon zehn Minuten später kam eine neue Forderung seinerseits. Ich bin aber überzeugt, dass Xerxes im Laufe der Jahre, wenn er immer wieder eine friedliche, gewaltfreie Lösung der von ihm provozierten Konflikte erlebt, sein wahrer Kern sein Leben immer besser gestalten kann.

Analyse des deltadynamischen Handelns:

Zur Lösung der Problematik ist es immer nötig, dass der Erwachsene erkennt, welche Seelenschicht beim Kind dominiert und welche Leitsatzebene besonders angesprochen werden muss. Der Erwachsene muss sich mit dem Leitsatz zentrieren, der zur Ebene passt, auf der die Übertreibung beim Jugendlichen vorliegt.

Bei Xerxes liegt ein Unvermögen vor, mit seinem inneren Menschen, der 3. Schicht seiner Seele, in Berührung zu kommen. Er ist in seinem Intellekt, der automatisch in kalten, logischen Strukturen gefangen ist, verstrickt. Er kann die Kraft der Herzenswärme nicht aktivieren. Alles reduziert sich darauf, ob es logisch ist. Da das menschliche Zusammenleben nicht nur auf kalter Logik aufbaut, ist er bei Schülern und Erwachsenen unbeliebt. Man fürchtet seine logischen Argumente, da diese immer den Kern auf kalte, grausame Art treffen.

Deshalb habe ich vor allem mit dem 3. Leitsatz gearbeitet. Die liebevolle Aufmerksamkeit ist eine Präsenz mit Herzenswärme. Man arbeitet mit seiner 3. Seelenschicht. In dieser Schicht ist man für die Kraft der Liebe aus dem Gegenwartsfeld geöffnet. Alte Strukturen, die den Menschen zwanghaft bestimmen, werden aufgelöst oder deaktiviert. Das Delta-Bewusstsein des Lehrers ist stärker als das in den Strukturen der 2. Seelenschicht gefangene dezentrierte Bewusstsein von Xerxes.

Bei der Arbeit mit den Leitsätzen muss man immer vor Augen haben, dass nur die Gesamtheit der Leitsätze zu einem vollen Delta-Bewusstsein oder einer vollen Zentrierung führen. Mit einer teilweisen Zentrierung schafft man oft eine Entspannung der Situation, jedoch keine Lösung. In der Auseinandersetzung mit Xerxes spielte der 1. Leitsatz (Ich spiele mit Chaos und Strukturen) auch eine wichtige Rolle. Als erste Reaktion merkte ich in meinem Innern wilde Emotionen aufsteigen und gleichzeitig wollte meine strukturierte innere Logik schon ein besseres, kaltes, logisches Argument gegen den Vorwurf von Xerxes finden. Ich wurde zwischen aggressivem Gefühls-Chaos und meiner kalt „ratternden“ intellektuellen Struktur hin und her gerissen. Ich war selbst auf dem Weg zur kompletten Dezentrierung. Erst als mir klar wurde, dass ich auf diesem Weg nur gewinnen konnte, indem ich Xerxes demütigte, habe ich mich selbst ergriffen (4. Leitsatz: Ich bestimme die jetzige Situation). Ich wählte den Weg, auf dem ich das soziale Leben von allen förderte (2. Leitsatz: Ich fördere das Leben) und mich nicht auf Kosten von Xerxes durch meine noch kälteren, logischen Gegenargumente obenauf schwang. Es entstand eine win-win-Situation, die blitzschnell vergessen war. Im andern Fall hätte ich einen gedemütigten Schüler, der sofort nach einer Rachemöglichkeiten gesucht hätte. Das Spiel hätte in verschärftem Ton von neuem begonnen. Auch die Möglichkeit, dass ich als Lehrer von Xerxes blossgestellt worden wäre, hätte nicht zu einem guten Klima beigetragen. Xerxes hätte die Bestätigung erhalten, dass seine kalte Logik auch im Leben Recht bekommt. Die Klasse hätte durch meine Hilflosigkeit und Gegenattacke einen Vertrauensverlust in meine intellektuelle Fähigkeit und menschliche Qualität erlitten.

1 Siehe 1. Teil in meinem Buch „ADS Kinder Die Zukunft der Menschheit“

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