Beispiel aus der Praxis: Ungeduldiger Machtmensch

Unser intellektueller „Fallensteller“ hat sich kurz nach der Lösung der „Fallenproblematik“ zum ungeduldigen Machtmenschen verwandelt. Er wollte im Musikunterricht sofort einen Negrospiritual mit der Klasse singen. Als ich ihm antwortete, er müsse sich gedulden, denn das von ihm gewünschte Lied sei im Weihnachtsheft abgedruckt und passe im Moment nicht in mein Konzept, wurde er ungeduldig. Er murmelte so laut, dass ich und die Klasse es verstehen konnten: „ Er wird es sowieso vergessen.“ Und kurz darauf: „ Er hat sicher das Weihnachtsheft verloren.“

Deltadynamische Analyse:

Nun hat Xerxes seine andere Seite durchblicken lassen. Im letzten Erlebnis – Fallenstellen – hat er gelernt, dass der offene Kampf nicht zu einem Sieg führt. So versucht seine schlaue Egostruktur den Weg der unterschwelligen Machtausübung. Sie will ihren Willen sofort durchsetzen und benutz dazu das Mittel der fast unhörbaren Drohung. Man erkennt, dass es eigentlich die Art des „Fallenstellers“ ist, die nicht mehr den offenen Kampf sucht. Xerxes lässt das Ende offen. Gehe ich auf seinen Wunsch, der eigentlich ein versteckter Befehl ist, nicht ein, hat er das Gift in die Klasse geträufelt, dass der Lehrer entweder vergesslich (senil) ist oder sein Unterrichtsmaterial verloren hat. Handle ich sofort, um ihm zu beweisen, dass ich nicht senil bin und kein Chaos in meinem Kasten habe, hat er seinen Egowillen durchgeboxt. Gemäss seiner Egostrukturlogik kann er nur gewinnen. Er ist auch nicht angreifbar, da er seine leisen Bemerkungen abstreiten würde, wenn man ihn darauf ansprechen würde.

Deltadynamisches Handeln:

Im Moment, als Xerxes seinen Wunsch äusserte, wurde ich innerlich aktiv. Ich durchdrang meine Egostruktur mit meinem Delta-Bewusstsein. Ich wusste sofort, wie seine Strukturen beschaffen waren. Ich „sah“ seine leise gemurmelten Bemerkungen schon im Voraus. So konnte ich ohne zu Überlegen meinen Entscheid treffen. Mir wurde blitzschnell klar, dass Xerxes die Schwächen meiner Egostruktur kannte. Im Laufe einer Singstunde ist man als Lehrer so vielen „Reizen“ ausgesetzt, dass man einen Schülerwunsch vergessen kann. In meinem Singkasten herrscht wirklich ein für mich geordnetes Chaos. Ich entschied mich, am Ende der Singstunde, das Weihnachtsheftchen zu verteilen und den Spiritual singen zu lassen. Ausserdem wusste ich, dass ein Vergessen dieses Wunsches katastrophal wäre. So führte ich, wie geplant, meine Singstunde weiter, hatte jedoch unsichtbar für die Schüler mein Bewusstsein auf den Spiritual ausgerichtet. Am Schluss der Stunde verteilte ich das Weihnachtsheftchen – ich hatte es sofort gefunden – und liess den von Allen geliebten Spiritual singen.

Analyse des deltadynamischen Handelns:

Als Xerxes seinen Wunsch äusserte, hob ich mich sofort ins Delta-Bewusstsein. Dadurch strahlte ich eine liebevolle Aufmerksamkeit aus. Ich stellte dem Ego-Willen von Xerxes meinen Delta-Willen entgegen. So habe ich mich dem aggressiven Ego-Willen von Xerxes nicht unterordnet und habe doch noch alle Türen offen gelassen einen für alle gewünschten Spiritual zu singen. Mein Delta-Wille entspannte die Situation sofort. Xerxes blieb ruhig. Äusserlich hätte ich nicht mehr auf ihn eingehen müssen. Da ich in dieser Situation den Wunsch von Xerxes ernst nehmen wollte und auch wusste, das der Spiritual von der ganzen Klasse gern gesungen wurde, liess ich ihn am Schluss, als es in die Abfolge meiner Lieder passte, singen. Ich wendete ganz bewusst den Leitsatz 3 an. Denn mir war klar, dass ein Vergessen des Wunsches Xerxes bestätigt hätte. Die ganze Singstunde war vom Leitsatz 4 getragen. Ich handelte nach dem Grundsatz: „Ich bestimme die Situation“. Ich liess mir den fremden Ego-Willen von Xerxes nicht aufdrängen. So konnte ich die Singstunde für alle befriedigend gestalten und musste keinen Kampf mit Xerxes austragen der dazu geführt hätte, dass ich oder Xerxes gesiegt hätte. Das Ziel wurde ohne seelische Gewalt erreicht. Xerxes äusserte sich nicht mehr. Er hatte erfahren, dass es noch andere Wege im Umgang miteinander gibt, die nicht auf den Kampf der Egostrukturen hinauslaufen und das soziale Leben fördern. Somit kam auch der 2. Leitsatz zur Anwendung. Der 1. Leitsatz, um die automatischen Reaktionsmuster, die Angst vor Gesichtsverlust und meine Aggressionen gegen Xerxes im Keim zu ersticken, um die weiteren Leitsätze anwenden zu können.

Weil man in jeder Lage seinen ganzen Menschen, jede Ebene des Seins, einbringen sollte, findet man in der Analyse der Problemlösung immer alle Leitsätze. Bei der oben geschilderten Situation war der 4. Leitsatz der wichtigste. Er führt immer dann zum Erfolg, wenn ein fremder Ego-Wille sich durchsetzen will. Falls man ihn richtig, d.h. begleitet von den andern Leitsätzen, anwendet, erlebt man, dass die geistige Ebene immer mächtiger ist, als die materiegesteuerte Egostruktur-Ebene. Dies gilt auch bei sich selbst.

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