Grundsätzliche Überlegungen zur Pädagogik
Nach der 68- Eltern- und Lehrergeneration und den darauf folgenden Reformen der Schule sind wir in eine neue Phase der Pädagogik eingetreten. Viele Eltern und auch Lehrer sehnen sich wieder nach einem Erziehungs-Stil mit klaren Regeln, die von den Erwachsenen gesetzt werden. Bei grossen Schwierigkeiten werden wieder vermehrt Erziehungscamps nach militärischem Vorbild empfohlen, in denen die Jugendlichen lernen, sich den Lagerregeln unterzuordnen. Dies wird meistens mit gnadenloser Disziplin, körperlichen Höchstleistungen und unerbittlichen Konsequenzen erreicht.
Sind die Schwierigkeiten nicht so gross, erreicht man heute viel, wenn man mit den Jugendlichen Verträge abschliesst, die sie begreifen und mitgestalten können.
Bei der militärischen Methode diszipliniert man das wilde oder faule „Tier“ im Menschen. Mit den gemeinsam verfassten Verträgen spricht man die Vernunft im Jugendlichen an.
Welche Methoden setzt man jedoch bei Jugendlichen ein, die äusserst sensibel und empfindlich reagieren und mit Härte seelisch vollkommen zusammenbrechen würden? Was für Massnahmen kann man anwenden, wenn die Jugendlichen in unseren „vernünftigen“ gesellschaftlichen Regeln keine lebenswerte Basis mehr sehen? Lassen wir diese Jugendlichen auf der untersten Ausbildungsstufe „absumpfen“ oder gibt es eine andere Methode?
Diese zuletzt erwähnte Gruppe nimmt jedes Jahr mehr zu. Die verschiedenen Spielarten der ADS-Kinder, magersüchtige, depressive und suchtanfällige Jugendliche und Jugendliche mit Hochbegabungen bilden einen grossen Teil dieser Gruppe. Vielfach kann man auch gar nicht mehr genau definieren, zu welcher Gruppe ein Jugendlicher zuzuordnen ist. Man kann nur sagen, dass diese Jugendlichen auch klare Strukturen brauchen und ebenfalls auf der Ebene der Vernunft angesprochen werden müssen. Unbewusst verlangen sie jedoch noch weitere Ebenen der Begegnung von den Erwachsenen.
Diese Kinder und Jugendliche kommen aus jeder Gesellschaftsschicht. So lassen sich diese Phänomene nicht nur mit schlechter Erziehung und schwierigem sozialen Umfeld erklären. Es sind junge Menschen, die nicht nur auf der in jedem Menschen wirkenden „Tierebene“ durch Dressur oder auf der gesellschaftlich, konventionellen Ebene durch Vernunft angesprochen werden wollen. Sie sehnen sich, zuerst unbewusst, als volle Menschen erkannt und angesprochen zu werden.
Die wichtige Erkenntnis zur Lösung unseres Erziehungsproblems Anfang des 3. Jahrtausends haben schon Pestalozzi und der immer noch unbekannte schweizer Arzt Troxler, ein Zeitgenosse Pestalozzis, in ihren Schriften vertieft. Pestalozzi sprach von den drei Zuständen des Menschen. Er sah im Menschen den Naturzustand und den gesellschaftlichen Zustand wirken. Die Natur oder modern gesagt, die Evolution, haben den Menschen zum höheren Säugetier gemacht. Die Gesellschaft „erzog“ den Menschen zum nach den Regeln der Vernunft handelnden Menschen. Das „Produkt“ aus Natur und Gesellschaft bezeichnet die Wissenschaft heute im englischen Sprachraum als human animal. Für diese Stufe des Menschseins ist dies ein korrekter Ausdruck. Die oben erwähnten Erziehungsmethoden sprechen den Naturzustand und gesellschaftlichen Zustand Pestalozzis an und erreichen den Menschen als vernunftbegabtes höheres Tier.
Was braucht es heute zusätzlich, um den Menschen zu motivieren und nicht abstürzen zu lassen? Dazu muss man sich mit der Idee des dritten Zustands, dem Menschenzustand, vertraut machen. Es ist der Zustand, in dem sich der eigentliche Mensch und nicht nur das human animal zeigt. Weder die Natur noch die Gesellschaft können diesen letzten Zustand erzeugen. Er ist nur von jedem Menschen individuell durch eigene innere Aktivität zu erreichen. Nur der Mensch kann sich zum Menschen machen!
Als Arzt zeigte damals I.P.V.Troxler 1auf, dass im Menschen nicht nur die materielle Ebene, sondern vier Ebenen des Seins wirksam sind. Er richtete seinen Blick auch auf die geistige Ebene des Menschen und legte damit den naturwissenschaftlichen, nicht materialistischen Grundstein zu Pestalozzis Menschenbild.
In der Delta-Dynamik habe ich den Versuch unternommen, diese nun schon 200 Jahre alten Erkenntnisse in der Praxis anzuwenden und zu vertiefen. Die vier Leitsätze der Delta-Dynamik sind das Werkzeug, das ich im Laufe meiner 30-jährigen Berufspraxis als Lehrer, vor allem aber in den letzten Jahren als Schulleiter der Delta Schule, geschaffen habe.
In den vier Leitsätzen habe ich durch eigene Beobachtung die vier Daseinsebenen, von denen schon Troxler sprach, gefunden. Sie stellen die Gesetze, die im ganzen Menschen wirken, dar.
Die Delta-Dynamik ist nur ein Werkzeug, das vom Menschen eingesetzt werden muss, um im Leben etwas zu bewirken. Das eigentlich „Werkzeug“, das in der Praxis konkret helfen kann, ist jeder Mensch, der sich durch eigene innerer Aktivität zum deltadynamischen „Werkzeug“ ausbildet. Die Leitsätze und die andern deltadynamischen Tools dienen der Bewusstmachung der Jeweiligen Situation. Ohne Bewusstsein kann man auch nicht gezielt handeln. Handeln entsprechend seinen Erkenntnissen ist normalerweise sehr schwierig. Der Wille, den es braucht, seine Erkenntnisse im Leben umzusetzen, muss auch geschult und geübt werden. So sind die deltadynamischen Tools ausserdem noch ein Hilfsmittel, das uns den Handlungswillen verstärken hilft.
Für das deltadynamische Eingreifen stehen uns keine technischen Apparate zur Verfügung. Es wirkt der Mensch, der in der postbiologischen Evolution sich selbst zum Menschen macht, indem er sein Bewusstsein zum Delta Bewusstsein und seinen unbewussten Willen zum bewussten Delta Willen verwandelt.
1 In der von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich gestellten und prämierten Arbeit: Vom Erziehungs- und Bildungsauftrag der Volksschule -Heute und Morgen- habe ich die 4 Ebenen, die schon Troxler im 19. Jahrhundert erkannt hat, beschrieben. Die Arbeit ist unveröffentlicht, kann aber vom Autor bezogen werden.