Meine Vermutung, dass die rechte Hirnhälfte nichts mit dem authentischen Selbst von Jill Taylor zu tun hat, wurde mir gleich doppelt bestätigt.
Erstens: Als ich nach drei Monaten mein Abschluss-CT an der Uni-Klinik Zürich machte, bestätigte mir der junge Arzt, dass man meinte, das Kleinhirn sei vorallem für die Grobmotorik zuständig. Er sagte mir, man vermute, dass mindestens linke Bahnen ins Kleinhirn münden. Dies bestätigt meine Beobachtung in den ersten drei Wochen nach der Operation. Mein Körpergefühl schwand, ich hatte keine dreidimensionalen Wahrnehmungen mehr (nach heutiger Meinung alles Ausfälle des linken Grosshirns). Mein Bewusstsein war heller als zuvor. Meine linke und rechte Hirnhälfte waren jedoch intakt, wie zuvor. Trotzdem hatte ich das Bewusstsein meines authentischen Ichs kennen gelernt und hatte Ausfälle, wie wenn die linke Hirnhälfte geschädigt worden wäre. Ich hatte jedoch nur ein gestilltes Blutgerinnsel im Kleinhirn, wo man auch heute noch das alte, eingetrocknete Blut im Computertomogramm sieht, das dazumal gestillt wurde. Sonst sieht mein CT perfekt aus.
Also nochmals: Mein authentisches Ich meldet sich zu Wort, obwohl mein linkes Hirn intakt war. Ich hatte „nur“ im Kleinhirn eine Blutungs-Stillung.
Zweitens: Das im Jahr 2007 auf Englisch und im Jahr 2008 auf Deutsch erschienene Buch „Neustart im Kopf“ von Norman Doidge (Campus Verlag) zitiert im Kapitel 11 „Mehr als die Summe ihrer Teile – Eine Frau beweist, wie plastisch das Gehirn sein kann“ eine Frau, die ohne linkes Hirn auf die Welt gekommen war.
„Ihre rechte Gehirnhälfte muss zudem mit weniger Platz für „ihre“ Funktionen auskommen. […] Bei dieser jungen Frau musste sich die rechte Gehirnhälfte jedoch ganz ohne den Input der linken entwickeln und lernen, allein zu leben und zu funktionieren. […] Doch ihr Seelenleben ist intakt, sie liest, betet und liebt. […] Ihr Leben ist ein Beleg dafür, dass das ganze mehr als die Summe seiner Teile ist und dass ein halbes Gehirn nicht einen halben Geist bedeutet,“ oder noch krasser ausgedrückt, dass das rechte Gehirn nicht ein Representant des authentischen Ichs (göttliches Ich) ist.